Geschichte

Von den Anfängen bis in die Gegenwart“

Ob die Eröffnung der traditionsreichen Wirtschaft „Traube“, der Bau der katholischen Kirche St. Maria – Königin des Friedens oder die Einweihung des Lindauer Segelhafens: Der Stadtteil Lindau-Zech hat eine bewegte Geschichte. Hier finden Sie die geschichtliche Entwicklung Zechs. Gehen Sie mit uns auf Zeitreise und stöbern Sie in Ereignissen vergangener Tage.

1828 Gründung des „Gasthauses zur Traube“ (heute: „Zum Zecher“) durch Joseph Burger, in dem weitgehend unbebauten, als „(Im) Wesen“ bezeichneten Teil der Gemarkung Reutin
1853-55 Fertigstellung der Villa Leuchtenberg, einer Residenz inmitten eines Parks direkt am See, Besitzerin war Théodelinde von Württemberg, geborene Prinzessin von Leuchtenberg und Schwester der Kaiserin von Brasilien
1889 Bau des ab 1920 als „Zechfabrik“ bekannten Fabrikgebäudes (heute Fa. Hoeckle) unweit der „Traube“, als Sitz Schweizer bzw. österreichischer Unternehmen
Vor 1914 In den Anfängen zählt der Stadtteil Zech rund 60 Einwohner. Die Bebauung bestand aus dem Zollamt „Ziegelhaus“ mit vier Zollwohnungen, einer Fabrikanlage (heute Fa. Hoeckle), dem Gasthof „ Zur Traube“ (heute Gasthaus „Zum Zecher“), drei bäuerlichen Anwesen, der Villa Furke beim Kieshafen,
1914-1918 Die Zechfabrik wird während des Ersten Weltkriegs im Zusammenhang mit dem benachbarten Exerzierplatz zum „Rekrutendepot“, ab 1917 wird sie eine Produktionsstätte der Lindauer Zeppelinwerke, die Flugzeuge bauen und eine Montagehalle auf dem Gebiet des heutigen Campingplatzes errichten (1922 abgebrochen)
1927 Der Name „Zech“ erscheint erstmals in den seit 1909 erscheinenden Lindauer Einwohner- und Adressbüchern als Bereichsname für einen Reutiner Bezirk
1930er Jahre Ab 1932 Bau mehrerer Siedlunghäuser in Eigenhilfe durch Arbeitslose unter Leitung der Bauhandwerker Ludwig Walburger und Karl Tietze, der Bauplatz diente bis dato z.T. als Exerzierplatz für die in Lindau stationierten Soldaten. Bis 1934 entstehen zehn Einfamilienhäuser im Äußeren Siedlerweg, zehn im Inneren Siedlerweg und sechs in der Bregenzer Straße. 1937 bis 1939 folgt der Bau von 21 Zweifamilienhäusern in der Grenzsiedlung und 15 in der Leiblachstraße sowie der Zechwaldstraße, außerdem von acht privaten Einfamilienhäusern in der Grenzsiedlung. Im ersten Kriegsjahr 1939 errichtet der Zoll in der Bregenzer Straße vier Häuser mit 16 Wohnungen
1940 Der Stadtteil Lindau-Zech zählt mehr als 1900 Einwohner
Vor 1945 Zech trägt den Namen „Siebertsdorf“ (nach dem gleichnamigen Lindauer Oberbürgermeister Ludwig Georg Siebert (1874 – 1944), der als Parteigänger Hitlers 1933 bayerischer Ministerpräsident geworden war. Das 1942 geschaffene Auffanglager für Pioniere wurde nach 1945 als Flüchtlingslager verwendet und schließlich 1956 abgebrochen
1943 Gründung des ersten Kindergartens, der in einer Baracke untergebracht war
Ab 1949 Im Ortsteil Zech setzt wieder rege Bautätigkeit ein. Initiator ist die Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft (GWG) Lindau. In den Jahren 1949 bis 1964 errichtet sie in Zech 402 Wohnungen. Dazu kommen im privaten Wohnungsbau vier Doppelhäuser mit 16 Wohnungen für Heimkehrer, neun Eigenheime mit 18 Wohnungen, fünf Einfamilienhäuser und fünf Zweifamilienhäuser sowie zwei Zwölf-Familienblöcke der Siedlergenossenschaft in der Hermann-Löns-Straße.
1950 Einwohnerzahl von Zech: 2250, Ansiedlung von industriellen Unternehmen (Metzeler, Kunert, etc.), Bau der Kleiderfabrik Scherban (heute Gasthaus Nagel) Fertigstellung des ersten Bauabschnitts der Zecher Grundschule, bis dato wurde in einem Gasthaus unterrichtet
1951-52 Das Zollabfertigungsgebäude Ziegelhaus wird erneuert
1951-1953 Baubeginn für die Lindauer Sammelkläranlage mit Pumpwerk, Baubeginn des 15. Familien-Wohnblocks in der Bregenzer Straße mit Post und Sparkasse sowie des Campingplatzes, 1953 erstes Zecher Kinderfest
1954 Bau des Tierheims, u.a. durch eine Spende von Felix Wankel finanziert, Fertigstellung der Volksschule
1955-56 Bau des Pumphauses für den Zecher Sammelkanal
1955-58 Bau der katholischen Kirche St. Maria, Königin des Friedens, zuvor war die Messe in der Zecher Schule oder in einem Gasthaus gefeiert worden, viele Gläubige besuchten die Reutiner Kirche St. Josef, deren Kapazität bald erschöpft war
1957 Gründung der Turn- und Sportgemeinschaft Zech
1959 Bau des Vereinsheims der TSG Zech
1960-61 Felix Wankel, der Erfinder des Kreiskolbenmotors, zieht mit seiner Forschungsanstalt in die Nähe von Zech, Bau der Turnhalle in der Leiblachstraße
bis 1964 Rege Bauaktivitäten durch die GWG
1966-68 Bau der evangelischen Versöhnerkirche, der Gottesdienst wurde auch hier vorher in der Schule abgehalten oder evangelische Gläubige mussten den Weg nach St. Verena in Reutin auf sich nehmen
1974 Abbruch der Villa Furke in der Fraunhoferstraße und Einweihung des Segelhafens der TSG Zech mit Clubheim und Gebäuden des Wasserwirtschaftsamts Kempten
1985 Gasexplosion zerstört ein Wohnhaus in der Leiblachstraße, Bewohner leicht verletzt, Entstehen einer verkehrsberuhigten Zone, 1986 Einweihung des zentralen Christophorusbrunnens
1994 Anbindung durch den Stadtbus an die anderen Stadtteile Lindaus
2001 Aufnahme in das Programm „Soziale Stadt“ des Bund-Länder-Städtebau-Förderungsprogramms, Maßnahmen zur Stabilisierung und Verbesserung der Wohnqualität und Förderung des Miteinanders, Sanierung von Wohnungen, Bau von Eigenheimen, Öffnung der Schule als Stadtteiltreff
2007 Gründung des Mehrgenerationenhauses Treffpunkt Zech e.V.
2009 Sanierung und Umgestaltung der Turnhalle zur Mehrzweckhalle

Quelle: Hans Steinberger, Zech. Die bewegte Geschichte eines Stadtteils an der Grenze, Color Druck, Lindau 1995.

Mit freundlicher Hilfe von Heiner Stauder, Stadtarchiv Lindau (B.)

Auffanglager für Pioniere, nach 1945 Flüchtlingslager

 

NACHGEFRAGT
Drei plus zwei Fragen an Heiner Stauder, Stadtarchiv Lindau (B.)


Heiner Stauder ist Leiter des Stadtarchivs Lindau.
Er erklärt, woher der Name „Zech“ kommt und
wie es zur Gründung des Stadtteils Lindau-Zech kam.

Herr Stauder, dass „Lindau“ seinen Namen dem „Unserer Lieben Frau unter den Linden“ geweihten Kanonissenstift verdankt, ist manch einem bekannt. Doch woher kommt eigentlich der Name „Zech“?

Der Name „Zech“ ist ein vergleichsweise junger Name. Lassen sich die Bezeichnungen der meisten Lindauer Ortsteile und Fluren auf dem Festland mehrere Jahrhunderte zurückverfolgen, so tauchen die ältesten schriftlichen Belege für den Namen „Zech“ nach allem, was wir bisher wissen, erst vor etwa hundert Jahren auf. Zu diesen Belegen zählt eine Ansichtskarte, auf der die Vorgängerin der heutigen Gaststätte „Zum Zecher“ zu sehen ist. Sie wird bezeichnet als „Gasthaus Zur Traube im Zech bei Lindau“. Etwa zur gleichen Zeit (1912) ist in den amtlichen Konzessionsakten erstmals von der „Traube“ als Wirtschaft „in Zech“ die Rede. Bis dahin lautete ihre Ortsbezeichnung immer in/im „We(e)sen“. Dies ist einer der beiden traditionellen Namen für das Lindauer bzw. Reutiner Gebiet am Bodensee zwischen Galgeninsel bzw. Heuried im Westen und dem Unterlauf der Leiblach im Osten. Der zweite lautet „Ziegelhaus“. Sie sind seit 1359 bzw. 1360 belegt, wobei „We(e)sen“ eher den östlichen, „Ziegelhaus“ eher den westlichen Teil dieses Areals bezeichnete.

Warum sie in den 1920er Jahren weitestgehend vom Ortsnamen „Zech“ abgelöst wurden, ist noch nicht näher erforscht, ebenso wenig die Herkunft und Bedeutung von „Zech“, das in den seit 1909 erscheinenden Lindauer Einwohner- und Adressbüchern erstmals 1927 als Bereichsname für einen Reutiner Bezirk erscheint.

Wie kam es zur Gründung des Stadtteils Lindau-Zech?

Lindau-Zech ist ein junger Stadtteil. Bis ins 20. Jahrhundert hinein gab es hier kein Dorf oder Weiler, sondern nur — wie es in einer Beschreibung aus dem Jahr 1643 heißt — „eine grosse Weitin [= unbebaute Fläche] und darauff der Stadt allgemeine Viehweid, in welchem Bezirck gleichfalls gemeiner Stadt Lindaw Ziegelhäuser (Anmerk. d. Red. Ziegeleien) und Hütten situirt sind“. Zudem befanden sich dort zerstreut auch landwirtschaftliche Gebäude, darunter das sogenannte Haug’sche Gut in der Nachbarschaft der Ziegeleien, das 1853 die Gräfin Théodelinde von Württemberg geb. von Leuchtenberg (1814-1857) erwarb. In den nächsten beiden Jahren ließ sie es zu einer Villa umbauen, die ihr als Sommersitz diente und die sie nach ihrer Herkunftsfamilie benannte. Dieses herrschaftliche Anwesen, das in den 1880er Jahren in den Besitz der Schweizer Industriellenfamilie Schindler überging, wurde nicht zur Urzelle Zechs, wie man hier und da lesen kann. Dessen Gründung erfolgte völlig unabhängig von der Villa Leuchtenberg, die bis heute mehrere hundert Meter von dem Stadtteil entfernt liegt.

Welche Rolle spielt das „Gasthaus zur Traube“ in der Gründungsgeschichte Zechs?

Als Keimzelle ist eher das „Gasthaus zur Traube“ (heute: „Zum Zecher“) zu betrachten. Es geht auf das Anwesen eines Johann Huber „zu Wösen“ nahe der Zollstation „Ziegelhaus“ zurück, das nach dem Konkurs Hubers 1828 von Joseph Burger erworben wurde. Der neue Besitzer erhielt auf seinen Antrag hin die Konzession zum Ausschank von Bier und einheimischem Wein, später auch zur Ausgabe warmer Speisen.

Die „Traube“ florierte nicht zuletzt wegen ihrer Lage nahe an der Grenze. Sie wurde von österreichischen Gästen besucht und von Personen, die am Zoll längere Wartezeiten in Kauf nehmen mussten. Später profitierte sie auch von dem militärischen Übungsgelände, das um 1900 in der Nachbarschaft eingerichtet worden war. Bereits vor dem Militär ließ sich Industrie unweit der „Traube“ nieder.

Was hat es mit der berühmten „Zechfabrik“ auf sich?

Das noch heute existierende Fabrikgebäude, das seit den 1920er Jahren als „Zechfabrik“ bezeichnet wurde, wurde 1889 errichtet. Es diente zunächst Schweizer bzw. österreichischen Unternehmern als deutsches Zweigwerk, dessen Betrieb zolltechnisch offensichtlich von Vorteil war. Dank seiner Lage unmittelbar an der an der österreichischen Grenze und nahe der Schweiz bot sich der „Wesen“ als Standort einer solchen Filiale geradezu an. Im Ersten Weltkrieg beherbergte die Fabrik zunächst ein Rekrutendepot, dann ab 1917 eine Produktionsstätte der Lindauer Zeppelinwerke, die zum Bau von Flugzeugen gegründet worden waren.

In den 1920er Jahren gingen die „Zech-Fabrik“ und das Gelände, auf dem noch 1918 mit dem Bau einer Flugzeughalle begonnen worden war, (der heutige Campingplatz) an die Stadt Lindau über, die 1931 Zech „entmilitarisierte“: Durch einen Geländetausch konnte sie die Reichswehr dazu bewegen, den Truppenübungsplatz aufzugeben und seine Nutzung der Stadt zu überlassen. Damit waren wichtige Voraussetzungen geschaffen, in der Nachbarschaft von „Traube“ und „Zech-Fabrik“ Siedlerstellen einzurichten. Sie waren für Familien gedacht, die von der hohen Arbeitslosigkeit infolge der Weltwirtschaftskrise von 1929 betroffen waren. Auf städtischem Grund und Boden und gefördert mit Reichsmitteln konnten (Bau-) Handwerker ohne feste Beschäftigung in Selbst- und Nachbarschaftshilfe Wohngebäude errichten. Es handelte sich um Häuschen mit einheitlichem Grundriss, die jeweils ca. 55 qm Wohnfläche boten. Stallungen für Kleintiere und Gärten von ca. 400 qm Größe sollten den Siedlern einen hohen Grad an Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln ermöglichen. 1932/33 wurden die ersten zehn Einfamilienhäuser unter maßgeblicher Beteiligung des Siedlerchefs Ludwig Walburger (1881-1967) fertiggestellt. Mit ihnen beginnt die eigentliche Geschichte des Stadtteils Zech als Wohngebiet.

Wie ging die Entwicklung des Stadtteils Lindau-Zech nach 1900 weiter?

Durch den Bau weiterer Siedlungs-, aber auch privater Einfamilienhäuser wuchs Zech rasch an. Um 1940 war die die Einwohnerzahl von rund 60 vor dem Ersten Weltkrieg auf über 1900 gestiegen. Sie lebten damals in „Siebertsdorf“, so wurde Zech bis 1945 nach dem Lindauer Oberbürgermeister Ludwig Siebert (1874-1942) benannt. Er hatte die Siedlertätigkeit in Zech maßgeblich gefördert und zwar auch noch, als er 1933 bayerischer Ministerpräsident geworden war, ein Amt, das er seiner politischen Überzeugung verdankte. Siebert war ein treuer Parteigänger Hitlers und damit mitverantwortlich für das nationalsozialistische Terrorregime in Bayern.